Demokratie ist mehr als Prozentrechnen
- Roger Gallati

- 6. März
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Leserbrief Roger Gallati im Glattaler vom 6. März 2026 als Replik auf Leserbrief «Das Acht-Prozent-Parlament – eine Schande für unsere politische Kultur» (Ausgabe vom 27. Februar)
Heinz Keller bezeichnet unseren Gemeinderat angesichts der kommunalen Wahlbeteiligung von rund 25% als ein «Acht-Prozent-Parlament» und als eine «Schande für unsere politische Kultur». Herr Keller hat in einem Punkt recht: Demokratie lebt von Beteiligung. Doch seine Schlussfolgerung, dass unser Gemeinderat über keine vollwertige demokratische Legitimation verfüge, ist falsch und darf – gerade im Vorfeld der Gesamterneuerungswahlen in unserer Stadt - nicht unwidersprochen bleiben.
Vor 50 Jahren hat die Dübendorfer Stimmbevölkerung mit deutlichem Mehr seine bisherige Gemeindeversammlung durch unseren Gemeinderat ersetzt. Das war zweifellos ein richtiger und notwendiger Schritt. Mit heute rund 33‘000 Einwohnern jedenfalls wäre die Durchführung einer Gemeindeversammlung offensichtlich eine Herausforderung. Vielmehr hat sich unser politisches System in Dübendorf mit einer Mischung aus repräsentativer und gelebter direkter Demokratie (obligatorisches und fakultatives Referendum; Volksinitiative; Einzelinitiative; Petitionsrecht) bewährt.
Die tiefe Wahlbeteiligung ist zugegeben ein Thema. Sie ist aber nicht automatisch ein Zeichen von Vertrauensverlust. Viele sind mit den Verhältnissen im Grundsatz zufrieden oder setzen ihr Engagement anders ein. Diese Argumentation als «eine Misshandlung des demokratischen Grundgedankens» hinzustellen, ist dann doch eine sehr steile These. Dübendorf ist ein attraktiver Wohn- und Arbeitsort und steht finanziell gut da. Das ist auch das Ergebnis jahrelanger, oft unspektakulärer Arbeit von Stadtrat, Gemeinderat und den weiteren Behörden. Das ist Milizarbeit im besten Sinn. Und vor allem beruhen die Wahl der Behördenmitglieder sowie die Kompetenzen von Stadt- und Gemeinderat 1:1 auf dem demokratischen Willen des Souveräns. Das von Herrn Keller unter dem Namen «Stadtmitbestimmung» initiierte digitale Politikprojekt für mehr Mitsprache kann eine sinnvolle Hilfestellung im Demokratieprozess sein. Es ersetzt jedoch keine demokratisch legitimierten Organe, keine rechtsstaatlichen Verfahren, keine Verantwortlichkeit und keine Kontrolle.
Demokratie ist nicht nur ein Stimmungsbild. Sie ist vor allem aufwändige Arbeit in Behörden und verlangt politische Verantwortung und demokratische Kontrolle. Genau das leistet unser System; sicher nicht perfekt, aber verlässlich und meines Erachtens auch alternativlos.
Roger Gallati, Gemeinderat FDP
Wallisellenstrasse 7a
8600 Dübendorf

